Einführung in den Geist der Liturgie (Einleitung)

Veröffentlicht von Martin Bürger | 07. Januar 2010, 19:37 | Kategorien: Liturgie

In meinem letzten Beitrag hatte ich auf die „Clergy Conference“ hingewiesen, die zurzeit in Rom stattfindet. Am gestrigen Hochfest der Erscheinung des Herrn sprach der Zeremonienmeister für die Liturgischen Feiern des Papstes, Msgr. Guido Marini, abends zum Thema „Einführung in den Geist der Liturgie“. Ich präsentiere in sechs Folgen eine Übersetzung des gesamten, exzellenten und somit äußerst lesenswerten Vortrags.

Einleitung

Ich schlage vor, uns auf einige Themen, die mit dem Geist der Liturgie verbunden sind, zu konzentrieren und darüber gemeinsam mit Ihnen nachzudenken; ja, ich beabsichtige ein Thema anzusprechen, das verlangt, dass ich viel rede. Nicht nur, weil es eine anspruchsvolle und komplexe Aufgabe ist, über den Geist der Liturgie zu sprechen, sondern auch, weil bereits viele wichtige Werke, die dieses Thema behandeln, von Autoren mit fraglos hohem Kaliber in Theologie und Liturgie geschrieben wurden. Ich denke unter den vielen an zwei bestimmte Menschen: Romano Guardini und Joseph Kardinal Ratzinger.

Auf der anderen Seite ist es jetzt umso mehr erforderlich, über den Geist der Liturgie zu sprechen, vor allem für uns Angehörige des heiligen Priestertums. Darüber hinaus besteht die dringende Notwendigkeit, den „authentischen“ Geist der Liturgie zu bekräftigen, wie er in der ununterbrochenen Tradition der Kirche gegenwärtig ist und, in Kontinuität mit der Vergangenheit, in den jüngsten Lehren des Magisteriums bestätigt wurde: beginnend mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bis zum gegenwärtigen Pontifikat. Ich habe gezielt das Wort Kontinuität verwendet, ein Wort, das unserem gegenwärtigen Heiligen Vater sehr teuer ist. Er hat es zum einzigen maßgeblichen Kriterium gemacht, wonach man das Leben der Kirche richtig interpretieren kann – genauer gesagt, die konziliaren Dokumente, einschließlich all der in ihnen vorgeschlagenen Reformen. Wie könnte es anders sein? Kann man wirklich von einer Kirche der Vergangenheit und einer Kirche der Zukunft sprechen, als ob ein historischer Bruch im Leib der Kirche aufgetreten wäre? Kann jemand sagen, dass die Braut Christi in einem bestimmten Zeitraum von der Vergangenheit ohne den Beistand des Heiligen Geistes in einem bestimmten Zeitraum der Vergangenheit gelebt hätte, sodass ihre Erinnerung gelöscht, gezielt vergessen werden sollte?

Nichtsdestotrotz scheint es manchmal, dass manche Menschen wirklich blind einer Denkweise folgen, die gerecht und angemessen definiert ist als eine Ideologie, oder vielmehr ein Vorurteil, das der Geschichte der Kirche aufgedrückt wird und das nichts mit dem wahren Glauben zu tun hat.

Ein Beispiel für die Frucht, die von dieser irreführenden Ideologie produziert wurde, ist die immer wiederkehrende Unterscheidung zwischen der vorkonziliaren und der nachkonziliaren Kirche. Eine solche Redeweise kann legitim sein, aber nur unter der Bedingung, dass darunter keine zwei Kirchen verstanden werden: eine, die vorkonziliare Kirche, die nichts mehr zu sagen oder zu geben hat, weil sie überholt ist, und eine zweite, die postkonziliare Kirche, eine neue Realität, geboren vom Konzil und, durch ihren angeblichen Geist, nicht in Kontinuität mit der Vergangenheit. Diese Art des Sprechens und des Denkens sollte nicht die unsere sein. Abgesehen davon, dass sie [die Redeweise; MBü] falsch ist, ist sie bereits überholt und veraltet, vielleicht verständlich aus historischer Perspektive, aber dennoch verbunden mit einer Zeit im Leben der Kirche, die inzwischen abgeschlossen ist.

Hat das, was wir bisher in Bezug auf „Kontinuität“ besprochen haben, irgendetwas mit dem Thema zu tun, das wir in dieser Vorlesung zu behandeln gebeten wurden? Ja, absolut. Der authentische Geist der Liturgie besteht nicht fort, wenn sich ihm nicht mit Klarheit genähert wird und von aller Polemik in Bezug auf die nahe oder ferne Vergangenheit abgesehen wird. Die Liturgie kann und darf keine Möglichkeit für Konflikte zwischen denen, die nur Gutes in dem, was vor uns war, finden, und denjenigen, die im Gegensatz dazu fast immer falsch finden, was vorher war. Die einzige Gesinnung, die uns den wahren Geist der Liturgie, mit Freude und wahrem geistigen Genuss, zu gewinnen erlaubt, ist, sowohl die gegenwärtige als auch die alte Liturgie der Kirche als ein Erbe in ständiger Entwicklung zu betrachten. Ein Geist demzufolge, den wir von der Kirche empfangen müssen und der keine Frucht unseres eigenen Schaffens ist. Ein Geist, füge ich hinzu, der zu dem führt, was in der Liturgie wesentlich ist, oder, genauer gesagt, zum Gebet, das durch den Heiligen Geist inspiriert und geleitet wird, in dem Christus auch weiterhin für uns gegenwärtig wird, in dem er in unser Leben hereinbricht. Wahrlich, der Geist der Liturgie ist die Liturgie des Heiligen Geistes.

Ich will nicht vorgeben, die Tiefen des vorgegebenen Themas auszuloten, noch all die unterschiedlichen Aspekte zu behandeln, die für ein panoramaartiges und umfassendes Verständnis der Frage notwendig sind. Ich werde mich darauf beschränken, nur einige wenige Elemente, die wesentlich für die Liturgie sind, zu behandeln, insbesondere mit Bezug auf die Feier der Eucharistie, wie die Kirche sie vorschreibt und im Stile der Erfahrungen, die ich in den letzten zwei Jahren im Dienst für unseren Heiligen Vater Benedikt XVI. gemacht habe. Er ist ein wahrer Meister des Geistes der Liturgie, sei es durch seine Lehre oder durch das Beispiel, das er in der Feier der heiligen Riten gibt.

Wenn ich mich im Laufe dieser Überlegungen über das Wesen der Liturgie dabei ertappe, einige Verhaltensweisen zur Kenntnis zu nehmen, die ich als nicht in vollkommener Harmonie mit dem authentischen Geist der Liturgie betrachte, werde ich dies nur als einen kleinen Beitrag dazu tun, dass dieser Geist sich umso mehr in seiner ganzen Schönheit und Wahrheit hervorsteche.

Meine Übersetzung erfolgt auf Grundlage des englischen Originals von NLM.

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