Einführung in den Geist der Liturgie (Teil 1)

Veröffentlicht von Martin Bürger | 08. Januar 2010, 14:09 | Kategorien: Liturgie

Gestern hatte ich mit der Übersetzung jenes Vortrags begonnen, den der Zeremonienmeister für die Liturgischen Feiern des Papstes, Msgr. Guido Marini, im Rahmen der „Clergy Conference“ in Rom zum Thema „Einführung in den Geist der Liturgie“ hielt. Hier nun die zweite von sechs Folgen meiner Übersetzung.

1. Die heilige Liturgie, Gottes Geschenk an die Kirche

Wir sind uns alle bewusst, wie das Zweite Vatikanische Konzil sein gesamtes erstes Dokument der Liturgie gewidmet hat: Sacrosanctum Concilium. Es war mit „Konstitution über die heilige Liturgie“ überschrieben.

Ich möchte das Wort heilig in seiner Anwendung auf die Liturgie wegen seiner Bedeutung unterstreichen. In der Tat beabsichtigten die Konzilsväter auf diesem Wege den heiligen Charakter der Liturgie zu stärken.

Was also meinen wir mit heiliger Liturgie? Der Osten würde in diesem Falle von der göttliche Dimension in der Liturgie sprechen, oder, um genauer zu sein, von jener Dimension, die nicht der Willkür des Menschen überlassen ist, weil sie [die Liturgie; MBü]ein Geschenk ist, das von oben kommt. Sie bezieht sich, mit anderen Worten, auf das Geheimnis der Erlösung in Christus, das der Kirche anvertraut ist, um es in jedem Augenblick und an jedem Ort durch die objektive Natur der liturgischen und sakramentalen Riten verfügbar zu machen. Dies ist eine Realität, die uns übersteigt, die als Geschenk empfangen werden muss, und der wir ermöglichen sollen, uns zu verwandeln. In der Tat versichert das Zweite Vatikanische Konzil: „[…] Infolgedessen ist jede liturgische Feier als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht.“ (Sacrosanctum Concilium, Nr. 7).

Aus dieser Perspektive ist es nicht schwer zu erkennen, wie weit einige Verhaltensweisen entfernt sind vom wahren Geist der Liturgie. Tatsächlich haben einige Personen es bewerkstelligt, die Liturgie der Kirche in vielfältiger Weise unter dem Vorwand einer falsch erdachten Kreativität durcheinanderzubringen. Dies geschah aus Gründen der Anpassung an die örtliche Situation und die Bedürfnisse der Gemeinde. Damit wurde das Recht zugestanden, etwas vom liturgischen Ritus zu entfernen, ihm etwas hinzufügen oder ihn zu ändern im Streben nach subjektiven und emotionalen Zielen. Dafür sind wir Priester in hohem Maße verantwortlich.

Aus diesem Grund machte der damalige Kardinal Ratzinger bereits im Jahre 2001 geltend: „Zumindest braucht man wieder ein neues liturgisches Bewusstsein, damit dieser macherische Geist verschwindet. Es ist ja auch soweit gekommen, dass sich Liturgiekreise für den Sonntag selber die Liturgie zurechtbasteln. Was hier geboten wird, ist sicher das Produkt von ein paar gescheiten, tüchtigen Leuten, die sich etwas ausgedacht haben. Aber damit begegne ich eben nicht mehr dem ganz Anderen, dem Heiligen, das sich mir schenkt, sondern der Tüchtigkeit von ein paar Leuten. Und ich merke, das ist es nicht, was ich suche. Das ist zu wenig, und ist etwas anderes. Das Wichtigste ist heute, dass wir wieder Respekt vor der Liturgie und ihrer Unmanipulierbarkeit haben. Dass wir sie wieder als das lebendig Gewachsene und Geschenkte erkennen lernen, in dem wir an der himmlischen Liturgie teilnehmen. Dass wir in ihr nicht die Selbstverwirklichung suchen, sondern die Gabe, die uns zukommt. Das, glaube ich, ist das erste, dass dieses eigentümliche oder eigenmächtige Machen wieder verschwinden und der innere Sinn für das Heilige erwachen muss.“ (aus „Gott und der Welt“, [von mir direkt aus dem deutschen Original zitiert, nicht aus dem Englischen übersetzt; MBü]).

Zu behaupten, dass die Liturgie heilig ist, setzt daher voraus, dass die Liturgie vorbehaltlich der sporadischen Änderungen und willkürlichen Erfindungen eines Einzelnen oder einer Gruppe nicht existiert. Die Liturgie ist kein geschlossener Kreis, in dem wir uns zu treffen entscheiden, vielleicht um einander zu ermutigen, um zu fühlen, dass wir die Protagonisten einer Feier sind. Die Liturgie ist Gottes Ruf zu seinem Volk, in seiner Gegenwart zu sein; sie ist die Ankunft Gottes unter uns; es ist Gott, der uns in dieser Welt begegnet.

Eine gewisse Anpassung an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten ist vorgesehen – und das zu Recht. Das Missale selbst gibt an, wo Anpassungen in einigen seiner Abschnitte vorgenommen werden können, doch nur in diesen und nicht willkürlich in anderen. Der Grund dafür ist wichtig, und es ist gut, ihr erneut zu bekräftigen: Die Liturgie ist ein Geschenk, das uns vorausgeht, ein kostbarer Schatz, der überliefert wurde durch das uralte Gebet der Kirche, dem Ort, in dem der Glaube seine Form in der Zeit und seinen Ausdruck im Gebet gefunden hat. Sie [die Liturgie; MBü]wurde uns nicht verfügbar gemacht, um unserer persönlichen Interpretation unterworfen zu werden; vielmehr wurde uns die gegeben, um allen vollständig zur Verfügung zu sein, gestern wie heute und auch morgen. „Auch in unserer Zeit“, schrieb Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, „muss der Gehorsam gegenüber den liturgischen Normen wiederentdeckt und als Spiegel und Zeugnis der einen und universalen Kirche, die in jeder Eucharistiefeier gegenwärtig wird, geschätzt werden.“ (Nr. 52).

In der brillanten Enzyklika Mediator Dei, die so oft in der Konstitution über die heilige Liturgie zitiert wird, definiert Papst Pius XII. die Liturgie als „[…] den öffentlichen Kult, […] den öffentlichen Gottesdienst des mystischen Leibes Jesu Christi in seiner Gesamtheit, seines Hauptes nämlich und seiner Glieder.“ (Nr. 20). Als wolle sie, unter anderem, sagen, dass sich die Kirche in der Liturgie „offiziell“ im Geheimnis ihrer Vereinigung mit Christus als Bräutigam erkennt und sich darin „offiziell“ offenbart. Ja, was für eine sorglose Torheit ist es, für uns das Recht zu beanspruchen, auf eine subjektive Weise die heiligen Zeichen zu verändern, welche die Zeit ausgesiebt hat, durch welche die Kirche über sich selbst spricht, ihre Identität und ihren Glauben!

Das Volk Gottes hat ein Recht, das nie ignoriert werden kann, aufgrund dessen alle die Möglichkeit haben müssen, sich dem zu nähern, was nicht bloß die armselige Frucht menschlicher Arbeit ist, sondern das Werk Gottes, und, gerade weil es Gottes Werk ist, eine rettende Quelle neuen Lebens.

Ich möchte meine Überlegungen noch einen Moment auf diesen Punkt ausdehnen, der, das kann ich bezeugen, dem Heiligen Vater sehr teuer ist, indem ich mit Ihnen eine Passage aus Sacramentum caritatis, der Apostolischen Exhortation Seiner Heiligkeit, Papst Benedikt XVI., teile, die nach der Synode über die heilige Eucharistie verfasst wurde. „Mit der Betonung der Wichtigkeit der ars celebrandi“, schreibt der Heilige Vater, „wird folglich auch die Bedeutung der liturgischen Vorschriften deutlich. […] Dort, wo die Priester und die für die liturgische Pastoral Verantwortlichen sich bemühen, die gültigen liturgischen Bücher und die entsprechenden Vorschriften bekannt zu machen […] gereicht das der Eucharistiefeier sehr zum Vorteil. In den kirchlichen Gemeinschaften setzt man deren Kenntnis und rechte Wertschätzung wahrscheinlich voraus, doch oft zu Unrecht. In Wirklichkeit sind es Texte, welche Schätze enthalten, die den Glauben und den Weg des Gottesvolkes in den zweitausend Jahren seiner Geschichte bewahren und darstellen.“ (Nr. 40).

Meine Übersetzung erfolgt auf Grundlage des englischen Originals von NLM. Teilweise ist die Übersetzung noch etwas holprig, das werde ich Schritt für Schritt ausbessern. Zunächst einmal liegt mein Hauptaugenmerk darauf, möglichst schnell das Referat des Päpstlichen Zeremonienmeisters hier bereitzustellen.

Bisher erschienen: Einleitung

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1 Kommentar zu „Einführung in den Geist der Liturgie (Teil 1)“.

  1. Martin :

    Lieber Martin!
    Wollte Dir nur einmal herzlich danken für Deine Mühe, diesen wichtigen Text ins Deutsche zu übertragen!

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