Einführung in den Geist der Liturgie (Teil 2)

Veröffentlicht von Martin Bürger | 09. Januar 2010, 00:02 | Kategorien: Liturgie

Im Rahmen der „Clergy Conference“ in Rom hielt der Zeremonienmeister für die Liturgischen Feiern des Papstes, Msgr. Guido Marini, einen Vortrag zum Thema „Einführung in den Geist der Liturgie“ hielt. Es folgt die dritte von sechs Folgen meiner Übersetzung.

2. Die Ausrichtung des liturgischen Gebets

Über die Veränderungen hinaus, die im Laufe der Zeit die Architektur der Kirchen und der Orte, an denen die Liturgie gefeiert wird, geprägt haben, ist eine Überzeugung innerhalb der christlichen Gemeinde immer deutlich geblieben, fast bis auf den heutigen Tag. Ich beziehe mich auf das Gebet in Richtung Osten, eine Tradition, die auf die Ursprünge des Christentums zurückgeht.

Was versteht man unter „Gebet in Richtung Osten“? Es bezieht sich auf die Ausrichtung des betenden Herzens zu Christus, von dem das Heil kommt, und auf den es gerichtet ist wie am Anfang, so auch am Ende der Geschichte. Die Sonne geht im Osten auf, und die Sonne ist ein Symbol für Christus, das Licht steigt im Orient empor. Mir kommt sogleich die messianische Stelle im Canticum Benedictus in den Sinn: „Durch die innigste Barmherzigkeit unseres Gottes, * in welcher uns heimgesucht hat der Aufgang aus der Höhe.“ [Lk 1,78; MBü].

Sehr zuverlässige und neue Studien haben inzwischen erfolgreich bewiesen, dass die christliche Gemeinde in jedem Zeitalter ihrer Vergangenheit den Weg gefunden hat, auch in der äußeren und sichtbaren liturgischen Geste diese grundlegende Ausrichtung für das Glaubensleben zum Ausdruck zu bringen. Darum entdecken wir Kirchen, die so gebaut wurden, dass die Apsis wurde nach Osten gerichtet war. Wenn eine solche Ausrichtung des heiligen Raumes nicht mehr möglich war, hat die Kirche auf das Kreuz, das auf dem Altar platziert wurde, zurückgegriffen, worauf sich alle fokussieren konnten. In derselben Art wurden viele Apsiden mit prächtigen Darstellungen des Herrn geschmückt. Alle waren eingeladen, diese Bilder während der Feier der eucharistischen Liturgie zu betrachten.

Ohne Rückgriff auf eine detaillierte historische Analyse der Entwicklung der christlichen Kunst möchten wir nochmals bekräftigen, dass das Gebet nach Osten, genauer gesagt, mit Blick auf den Herrn, ein charakteristischer Ausdruck des wahren Geistes der Liturgie ist. Es ist diesem Sinne entsprechend, dass wir eingeladen sind, unsere Herzen dem Herrn in der Feier der eucharistischen Liturgie zuzuwenden, woran der einleitende Dialog der Präfation uns gut erinnert. „Sursum corda“ – „Erhebet die Herzen“, ermahnt der Priester, und alle antworten: „Habemus ad Dominum“ – „Wir haben sie beim Herrn.“ Nun, wenn eine solche Ausrichtung immer innerlich durch die ganze christliche Gemeinde angenommen werden muss, wenn sie im Gebet versammelt ist, sollte es möglich sein, diese Ausrichtung, auch äußerlich ausgedrückt durch Gesten, zu finden. Die äußere Geste kann darüber hinaus eigentlich nur echt sein, in der Weise, dass durch sie die richtige geistige Haltung sichtbar gemacht wird.

Dies ist der Grund für den Vorschlag, den der damalige Kardinal Ratzinger gemacht hat, und derzeit erneut im Laufe seines Pontifikats bestätigte, das Kreuz in der Altarmitte zu platzieren, auf dass alle während der Feier der Liturgie, konkret den Herrn ansehen und betrachten können, sodass auch ihr Gebet und ihre Herzen ausgerichtet werden. Lassen Sie uns die Worte Seiner Heiligkeit, Papst Benedikt XVI., direkt hören, der im Vorwort zum ersten Buch seiner Gesammelten Schriften, das der Liturgie gewidmet ist, folgendes schreibt: „Der Gedanke, dass Priester und Volk sich beim Gebet gegenseitig anschauen sollten, ist erst in der Moderne entstanden und der alten Christenheit gänzlich fremd. Priester und Volk beten ja nicht zueinander, sondern zum einen Herrn hin. Deshalb schauen sie beim Gebet in dieselbe Richtung: entweder nach Osten als kosmisches Symbol für den kommenden Herrn oder, wo dies nicht möglich war, auf ein Apsisbild Christi, auf ein Kreuz oder einfach gemeinsam nach oben, wie der Herr es beim hohepriesterlichen Gebet am Abend vor seinem Leiden getan hat (Joh 17,1). Inzwischen setzt sich erfreulicherweise immer mehr der Vorschlag durch, den ich am Ende des betreffenden Kapitels in meinem Buch [Der Geist der Liturgie; MBü] gemacht hatte: nicht neue Umbauten zu machen, sondern einfach das Kreuz in die Mitte des Altars zu stellen, auf das Priester und Gläubige gemeinsam hinschauen, um sich so auf den Herrn hinführen zu lassen, zu dem wir alle miteinander beten.“ (aus „Theologie der Liturgie, Gesammelte Schriften, Band 11“, [von mir direkt aus dem deutschen Original zitiert, nicht aus dem Englischen übersetzt; MBü]).

Lassen wir überdies ungesagt, dass das Bild unseres gekreuzigten Herrn den Blick der Gläubigen von dem des Priesters trennt, denn sie sollen an diesem Punkt in der Liturgie nicht auf den Zelebranten schauen! Sie sollen ihren Blick auf den Herrn richten! In ähnlicher Weise sollte der Vorsteher der Feier auch immer in der Lage sein, sich dem Herrn zuzuwenden. Das Kruzifix behindert nicht unsere Sicht, sondern erweitert unseren, um die Welt Gottes zu sehen; das Kruzifix bringt uns dazu, dieses Geheimnis zu meditieren, es führt uns in den Himmel, von wo aus das einzige Licht kommt, das in der ist, aus dem Leben auf dieser Erde Sinn zu machen. Fürwahr, unsere Sicht wäre verblendet und versperrt, blieben unsere Augen auf die Dinge fixiert, die nur den Menschen und seine Werke darstellen.

Auf diese Weise kann zu einem Verständnis kommen, warum es noch heute möglich ist, die heilige Messe an den alten Altären zu feiern, wenn die besonderen architektonischen und künstlerischen Besonderheiten unserer Kirchen dies anrieten. Auch hier gibt uns der Heilige Vater ein Beispiel, wenn er die heilige Eucharistie am alten Altar der Sixtinischen Kapelle am Fest der Taufe des Herrn feiert.

In unserer Zeit ist der Ausdruck „dem Volk zugewandt zelebrieren“ Teil unseres alltäglichen Vokabulars geworden. Hat man bei der Verwendung dieses Ausdrucks die Intention, die Position des Priesters zu beschreiben, der aufgrund Platzierung des Altares oft dem Volk zugewandt zelebriert – in diesem Fall ist ein solcher Ausdruck akzeptabel. Doch ein solcher Ausdruck wäre kategorisch inakzeptabel in dem Moment, in dem er dazu verwendet wird, eine theologische Aussage zum Ausdruck zu bringen. Tatsache ist, dass theologisch gesprochen, die heilige Messe immer an Gott gerichtet ist, durch Christus unseren Herrn angesprochen, und es wäre ein schwerer Irrtum, zu glauben, dass die grundsätzliche Ausrichtung der Opferhandlung die Gemeinschaft ist. Daher muss eine solche Ausrichtung zum Herrn hin muss die innere Teilnahme jedes einzelnen während der Liturgie anregen. Gleichermaßen ist es wichtig, dass diese Orientierung auch vollkommen in den liturgischen Gesten sichtbar ist.

Meine Übersetzung erfolgt auf Grundlage des englischen Originals von NLM. Teilweise ist die Übersetzung noch etwas holprig, das werde ich Schritt für Schritt ausbessern. Zunächst einmal liegt mein Hauptaugenmerk darauf, möglichst schnell das Referat des Päpstlichen Zeremonienmeisters hier bereitzustellen.

Bisher erschienen: Einleitung, Teil 1

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