Einführung in den Geist der Liturgie (Teil 3)

Veröffentlicht von Martin Bürger | 10. Januar 2010, 07:50 | Kategorien: Liturgie

Im Rahmen der „Clergy Conference“ in Rom hielt der Zeremonienmeister für die Liturgischen Feiern des Papstes, Msgr. Guido Marini, einen Vortrag zum Thema „Einführung in den Geist der Liturgie“ hielt. Es folgt die nunmehr vierte von sechs Folgen meiner Übersetzung.

3. Anbetung und Vereinigung mit Gott

Anbetung ist die mit Staunen erfüllte Erkenntnis, wir könnten sogar von ekstatisch sprechen (weil sie dafür sorgt, dass wir aus uns selbst und aus unserer kleinen Welt herauskommen), die Erkenntnis der unendlichen Macht Gottes, Seiner unbegreiflichen Majestät und Seiner Liebe ohne Grenzen, die er uns absolut umsonst anbietet, Seiner allmächtigen und fürsorglichen Herrschaft. Folglich führt die Anbetung zur Wiedervereinigung von Mensch und Schöpfung mit Gott, zum Abbruch des Zustandes der Trennung, der scheinbaren Unabhängigkeit, zum Verlust des Ich, der darüber hinaus der einzige Weg ist, sich selbst wiederzugewinnen.

Vor der unaussprechlichen Schönheit der Liebe Gottes, die Form annimmt im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes, das für um unseretwillen gestorben und auferstanden ist, und die ihre sakramentale Manifestierung in der Liturgie findet, bleibt uns nichts als in Anbetung zu bleiben. „Im Ostergeschehen und in der Eucharistie, die es durch die Jahrhunderte hindurch gegenwärtig macht“, bestätigt Papst Johannes Paul II. in Ecclesia de Eucharistia, „liegt ein enormes ‚Potential‘, in dem die ganze Geschichte als Adressat der Erlösungsgnade enthalten ist. Dieses Staunen muss die Kirche immer ergreifen, wenn sie sich zur Feier der Eucharistie versammelt.“ (Nr. 5).

„Mein Herr und mein Gott“ – das haben wir von Kindheit an gelernt, zum Zeitpunkt der Konsekration zu sagen. Auf diese Weise, indem wir die Worte des heiligen Apostels Thomas entleihen, werden wir dazu geführt, den Herrn anzubeten, der gegenwärtig ist und lebt in der Gestalt der heiligen Eucharistie, wir vereinigen uns mit ihn und erkennen ihn als unserer Alles. Von dort her wird es möglich, unseren täglichen Weg fortzusetzen, nachdem wir die richtige Ordnung des Lebens gefunden haben, das grundlegende Kriterium, vermöge dessen wir leben und sterben sollen.

Hier ist der Grund, warum alles in der liturgischen Handlung, durch den Adel, die Schönheit und die Harmonie der äußeren Zeichen, der Anbetung, der Vereinigung mit Gott zuträglich sein müssen: Dazu gehört die Musik, der Gesang, die Zeiten der Stille, die Art und Weise der Verkündigung des Wortes Gottes sowie die Art des Betens, die verwendeten Gesten, die liturgischen Gewänder und die heiligen Gefäße und andere Teile der Ausstattung, sowie das heilige Gebäude in seiner Gesamtheit. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Entscheidung Seiner Heiligkeit, Benedikt XVI., zu bedenken, der ab dem Fronleichnamsfest im vergangenen Jahr [ab Fronleichnam 2008; MBü] damit begonnen hat, die heilige Kommunion den knienden Gläubigen direkt auf die Zunge zu spenden. Mit dem Beispiel dieser Handlung fordert der Heilige Vater uns auf, die richtige Haltung der Anbetung vor der Größe des Geheimnisses der eucharistischen Gegenwart des Herrn sichtbar zu machen. Eine Haltung der Anbetung, die umso mehr gefördert werden muss, wenn man sich der heiligen Eucharistie in den anderen Forme, die heute erlaubt sind, annähert.

Ich möchte noch einmal eine weitere Passage aus der postsynodalen Apostolischen Exhortation Sacramentum Caritatis zitieren: „Während der ersten Schritte dieser Reform wurde manchmal die innere Beziehung zwischen der heiligen Messe und der Anbetung des Allerheiligsten Sakramentes nicht genügend deutlich wahrgenommen. Ein damals verbreiteter Einwand ging zum Beispiel von der Bemerkung aus, das eucharistische Brot sei uns nicht zum Anschauen, sondern zum Essen gegeben. In Wirklichkeit erwies sich diese alternative Gegenüberstellung im Licht der Gebetserfahrung der Kirche als gänzlich unfundiert. Schon der hl. Augustinus hatte gesagt: ‚Nemo autem illam carnem manducat, nisi prius adoravit; … peccemus non adorando – Niemand isst dieses Fleisch, ohne zuvor anzubeten; … wir würden sündigen, wenn wir es nicht anbeteten.‘ In der Eucharistie kommt uns ja der Sohn Gottes entgegen und möchte sich mit uns vereinigen; die eucharistische Anbetung ist nichts anderes als die natürliche Entfaltung der Eucharistiefeier, die in sich selbst der größte Anbetungsakt der Kirche ist. Die Eucharistie empfangen heißt, den anbeten, den wir empfangen; gerade so, nur so werden wir eins mit ihm und bekommen in gewisser Weise einen Vorgeschmack der Schönheit der himmlischen Liturgie.“ (Nr. 66 [ich habe wie gewöhnlich direkt aus dem offiziellen deutschen Text zitiert; MBü]).

Ich denke, dass unter anderem die folgende Passage aus dem Text, den ich gerade vorgelesen habe, nicht unbemerkt bleiben sollte: Die Feier der Eucharistie ist „in sich selbst der größte Anbetungsakt der Kirche“. Dank sei der heiligen Eucharistie, versichert Seine Heiligkeit, Benedikt XVI., noch einmal: „Das Bild von der Ehe zwischen Gott und Israel wird in einer zuvor nicht auszudenkenden Weise Wirklichkeit: Aus dem Gegenüber zu Gott wird durch die Gemeinschaft mit der Hingabe Jesu Gemeinschaft mit seinem Leib und Blut, wird Vereinigung.“ (Deus caritas est, Nr. 13 [ich zitiere wieder aus dem deutschen Text; MBü]). Aus diesem Grund muss alles in der Liturgie – genauer gesagt, in der Eucharistiefeier – zur Anbetung führen, alles in der Entfaltung des Ritus muss dazu beitragen, einzutreten in die Anbetung des Herrn durch die Kirche.

Die Liturgie als Ort der Anbetung, der Vereinigung mit Gott zu betrachten, bedeutet nicht, die gemeinschaftliche Dimension in der liturgischen Feier aus den Augen zu verlieren, und noch weniger, das Gebot der Nächstenliebe zu vergessen. Im Gegenteil, nur durch eine Erneuerung der Anbetung Gottes in Christus, die in der liturgischen Handlung Gestalt annimmt, wird eine authentische brüderliche Gemeinschaft und eine neue Geschichte der (Nächsten-)Liebe entstehen, abhängig von dieser Fähigkeit zu staunen und heldenhaft zu handeln, die nur die Gnade Gottes unseren armen Herzen geben kann. Die Heiligenleben erinnern uns daran und lehren uns dies. „Die Vereinigung mit Christus ist zugleich eine Vereinigung mit allen anderen, denen er sich schenkt. Ich kann Christus nicht allein für mich haben, ich kann ihm zugehören nur in der Gemeinschaft mit allen, die die Seinigen geworden sind oder werden sollen. Die Kommunion zieht mich aus mir heraus zu ihm hin und damit zugleich in die Einheit mit allen Christen.“ (Deus caritas est, Nr. 14).

Meine Übersetzung erfolgt auf Grundlage des englischen Originals von NLM. Teilweise ist die Übersetzung noch etwas holprig, das werde ich Schritt für Schritt ausbessern. Zunächst einmal liegt mein Hauptaugenmerk darauf, möglichst schnell das Referat des Päpstlichen Zeremonienmeisters hier bereitzustellen.

Bisher erschienen: Einleitung, Teil 1, Teil 2

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